Ritter Sport El Cacao 72% - limitierte Manufaktur-Edition

"Ritter Sport", ein deutscher Mainstream-Schokoladenhersteller, der seit vielen Jahrzehnten vor allem für seine quadratischen und bunt verpackten Schokoladentafeln international bekannt und bei vielen Konsumenten tendenziell beliebt ist, hat soeben vier neue Schokoladensorten auf den Markt gebracht, die in limitierter Auflage im internen Onlineshop sowie in den Firmengeschäften in Waldenbuch und in Berlin erhältlich sind.

 

3,99 Euro kostet eine lediglich 55 Gramm große Schokoladentafel - für Ritter Sport ist es ungewohnt teuer und daher preislich ohne Zweifel auf einem Niveau von Schokoladenmanufakturen, deren Fokus auf nachhaltigem Gourmet-Edelkakao und qualitätsbewusster Bean-to-Bar Philosophie liegt. Ob Ritter Sport's Manufaktur-Schokolade demzufolge auch geschmacklich überzeugen kann, könnt ihr weiter im unten im Schokoladen-Test nachlesen.

 

Das Besondere in positiver Hinsicht an den neuen Schokoladen sollen insbesondere folgende zwei Aspekte sein:

die Verwendung von 100 % nachhaltigem Kakao aus der eigenen sozial-ökologisch fungierenden Agroforst-Kakaoplantage "El Cacao" in Nicaragua sowie eine hierfür praktizierte Produktionsweise unter Bean-to-Bar typischen Manufaktur-Bedingungen.

Inwiefern es sich bei den Manufaktur-Qualitätsversprechen um authentische und ehrliche Tatsachen oder vielmehr um eine geschickte Marketing-Strategie handelt, ist als Außenstehender schwer einzuschätzen. Unabhängig davon kann man allerdings insgesamt konstatieren, dass Ritter Sport zumindest zu den wenigen großen Schokoladenherstellern in Deutschland gehört, der Schritt für Schritt versucht, eine stetig nachhaltigere Produktionsweise zu etablieren - im Hinblick auf soziale, ökologische und klimatische Aspekte.

 

Mehr Informationen über Ritter Sport's eigene Kakaoplantage "El Cacao" in Nicaragua findet ihr hier - in einem früheren Blog-Beitrag von mir.

 

Was die vier neuen Manufakturen-Schokoladen betrifft, angeboten werden eine klassische 72-prozentige Dunkelschokolade, eine 40-prozentige Vollmilchschokolade sowie zwei weitere veredelte Vollmilchsorten - eine mit gesalzenen Pistazien-Stückchen und eine mit in Honig gerösteten und gesalzenen Macadamianuss-Stückchen und Tonkabohnenextrakt.

 

Zur Ritter Sport Plantage gibt es auch eine interessante und sehenswerte Galileo-Reportage, die einen näheren Blick in die Arbeitsweise vor Ort wirft (der Film ist allerdings mittlerweile 4 Jahre alt).

Schokoladentest: "Ritter Sport El Cacao 72%" Nicaragua

 

Meine Bewertungskriterien:

(A) Duftaromen: 25 / 25 Punkte

(B) Geschmacksaromen: 50 / 50 Punkte

(C) Optik: 2 / 2 Punkte

(D) Schmelz: 3 / 3 Punkte

(E) Zutaten: 10 / 10 Punkte

(F) Nachhaltigkeitseinschätzung: 4 / 4 Punkte

(G) Gesamteindruck: 6 / 6 Punkte

 

Ritter Sport - El Cacao 72% - Nicaragua - Ritter Sport-Plantage

 

MHD Charge: 27.07.2023 KL

Kakaoherkunft: Nicaragua, Plantage "El Cacao" (in der Nähe von Matagalpa)

Kakaovarietät: keine konkreten Angaben (vermutlich lokal und wirtschaftlich relevante Varietäten)

 

A) Duftaromen: vor allem prägnant kakaoig-röstig mit mandeligen und nussigen Akzenten, ganz leichte Trockenfrucht-Andeutungen (Rosinen) 18/25

B) Geschmacksaromen: anfänglich röstbetont-nussige und mandelige Akzente, Hauptteil pur schokoladig-kakaobetont mit röstbetonten Mandel-Noten, leichte nussige und grasige Anklänge, minimale Trockenfrucht-Andeutungen (Trauben-ähnliche Noten??), Abgang röstig-kakaoig mit mandel-artigen Tönen, Bitterkeit und Adstringenz gering, Röstgrad für Manufaktur-Verhältnisse vergleichsweise untypisch-kräftig (ähnlich wie z. B. bei Bonnat), Aromaprofil insgesamt viel zu wenig aromatisch und eintönig und röstlastig im Geschmack 37/50

C) Optik: sehr gut 3/3

D) Textur: sehr gute Schmelzeigenschaften 3/3

E) Zutaten: Kakaomasse, Zucker, Kakaobutter: perfekt 10/10

F) sehr gut: nachhaltige und qualitätsbewusste Bean-to-Bar Schokoladenproduktion unter Manufaktur-Bedingungen, Verwendung von Kakaobohnen aus nachhaltigem Anbau, faire Löhne und Arbeitsbedingungen bei 450 Plantagen-Mitarbeitenden 4/4

G) Gesamteindruck 6/6

 

Gesamtpunkte: 80/100

 

Fazit: In Bezug auf sozioökonomische, ökologische und umwelttechnische Nachhaltigkeitsaspekte mag zwar die 72-prozentige El Cacao Manufaktur-Schokolade eine insgesamt positive Bereicherung sein, allerdings ist das Produkt in geschmacklicher Hinsicht leider eine große Enttäuschung. Warum der Geschmack überhaupt nicht gelungen und aromatisch in keinster Weise überzeugen kann, ist bei all dem dargestelltem Qualitätsaufwand von Ritter Sport umso mehr ein Mysterium für mich.

Die Rezeptur mit nur drei Zutaten - Kakaomasse, Zucker, Kakaobutter - ist selbstverständlich vorbildlich, jedoch in heutiger Zeit mittlerweile nichts Besonderes mehr, zumal bereits seit einigen Jahren deutschlandweit überall gut erhältliche, diverse Bio-Bitter- und Vollmilchschokoladen (mit teilweise Fairtrade-Kakao je nach Sorte oder gar relativ transparentes Single-Origin wie z. B. Sierra Leone 72% von DM Bio) für unter 2 Euro pro Tafel angeboten werden, die geschmacklich mindestens genauso gut schmecken und häufig sogar aromatischer und insgesamt spannender sind - z. B. in den Drogeriemärkten DM oder Rossmann und Discountern wie beispielsweise Aldi Süd/Nord etc.

Was den Geschmack und das Aromaprofil der neuen "EL Cacao" Manufaktur-Schokolade 72% von Ritter Sport betrifft, muss ich ehrlich gestehen, dass kaum aromatisch hochwertige oder außergewöhnliche Akzente schmeckbar sind. Paradoxerweise schmecken die Standard-Bitterschokoladen (61% Nicaragua, 74% Peru, 81% Ghana - auch ohne Emulgatoren und ohne Vanille) von Ritter Sport (1,49 Euro pro 100-Gramm Tafel, die ebenso 100% zertifiziert nachhaltigen Kakaobezug enthalten sollen, keineswegs schlechter und aromatisch sogar erstaunlich ähnlich - mit höchstens wenig nennenswerten geschmacklichen Abweichungen.

Die "El Cacao" Manufaktur-Schokolade ist von Beginn an ziemlich röstbetont und kräftig pur-kakaoig mit röstigen Mandel- und Nuss-Akzenten. Minimale Fruchtandeutungen (Trockenfrucht-ähnliche Trauben-Rosinen-Anklänge) tauchen im späteren Verlauf auf (aber nur unter der Voraussetzung, wenn man sich besonders stark darauf konzentriert, eine gewisse Fruchtigkeit unbedingt erschmecken zu wollen). Die Fruchtakzente sind meiner Einschätzung allerdings derart schwach ausgeprägt, dass ich nicht verwundert wäre, wenn die allermeisten Konsumenten keinerlei Fruchtkomponenten erkennen würden.

Positiv hervorzuheben sind bei der Schokolade zumindest ihre vergleichsweise milden Eigenschaften in Bezug auf Bitterkeit und Adstringenz. Diese Tatsache ist sicherlich mehr oder weniger auf den relativ kräftigen Röstgrad zurückzuführen. Die hier gewählte Röststärke und die damit einhergehende schwache, eintönige Aromatik ist noch am ehesten vergleichbar mit den klassischen Standard-Dunkelschokoladen von Bonnat, wobei bei Bonnat die Röstaromen und die dort in leichten Nuancen verfügbaren Aromen eindeutig qualitativer einzuschätzen sind - hinsichtlich Lieblichkeit, Harmonie, Komplexität und genereller Feinschmecker-Aspekte.

Dass Ritter Sport auch eine deutlich bessere Aromen-Qualität erreichen kann, hat das Unternehmen beispielsweise im Jahr 2018 mit der limitierten, dunklen Milchschokolade mit 54% Kakaoanteil "Erste Ernte" eindrücklich demonstriert. Zu jenem Zeitpunkt ist es sogar eine Kakao-Premiere von der eigenen Ritter Sport Plantage gewesen. Das Produkt war in Bezug auf Geschmacksqualität und fruchtiger Aromentiefe signifikant hochwertiger - trotz enthaltenem Vollmilchpulver, welches eher hinderlich ist für eine prägnante Kakaoaromen-Entfaltung.

Warum bei der neuen Manufaktur-Dunkelschokolade letztendlich das geschmackliche Ergebnis mit kaum nennenswerten Aromen dermaßen unterdurchschnittlich geworden ist, bleibt mir ein Rätsel. Der Röstgrad erinnert vielmehr an industrielle Machart. Möglicherweise erfolgten nur die letzten Produktionsschritte wie das Temperieren und das Austafeln unter Manufaktur-Bedingungen.

Alles in allem ist die "El Cacao Manufaktur 72%" geschmacklich gesehen ihren Preis überhaupt nicht wert. Lediglich die vergleichsweise authentischen und ehrlichen Nachhaltigkeitsaspekte hinsichtlich der "El Cacao"-Plantage in Nicaragua sind ein Argument, die den Kauf dieser Schokolade rechtfertigen.

In der gleichen Preisklasse bekommt man deutlich aromatischere und gleichzeitig größtenteils oft nachhaltigere und zum Teil klimaschonendere Ursprungs-Schokoladen, die den hohen Ansprüchen der allermeisten Feinschmecker-Gaumen gerecht werden. Dazu gehören insbesondere die Produkte von Zotter, Original Beans, Coppeneur oder Ethiquable.

 

Hinweis: Als unparteiischer Schokoladen-Blogger vertrete ich keine einzelnen Hersteller oder Vertriebe und richte mich nur nach gutem Geschmack und den Werten der Schokoladenhersteller.

Wenn ich Interesse mit meinen Schokoladenempfehlungen geweckt habe, so möchte ich lediglich als Hilfestellung aufzeigen, wo und wie man in jeder Hinsicht qualitative und nachhaltige Schokoladen kaufen kann.

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